Welche Auswirkungen hat die Zusammenarbeit der Selbsthilfegruppen auf das Gesundheitsgeschehen in unserer Region.
Einige Beispiele:
Es gründeten sich neue themenspezifische und kommunale Selbsthilfe-Arbeitsgemeinschaften in Bottrop, Castrop-Rauxel, Dorsten, Gelsenkirchen, Gladbeck, Haltern, Herten und Marl.
Die Arbeitsgemeinschaften wurden zu Ansprechpartnern der Verhältnis- und Verhaltensprävention kommunaler- und kreisweiter Gesundheitsaktionen.
Den Selbsthilfegruppen wurden in Rathäusern und Krankenkassen Beratungsräume für regelmäßige (in der örtlichen Presse angekündigte) „Sprechstunden“ eingerichtet. In Marl wurde ein „Selbsthilfehaus“ zur Verfügung gestellt.
In den letzten Jahren initiierten und förderten die nach dem „Recklinghäuser Modell“ organisierten Arbeitsgemeinschaften die Einrichtung kommunaler Selbsthilfe-Unterstützungsstellen in den Städten Bottrop, Gelsenkirchen und Recklinghausen. Auch in den Städten Gladbeck, Herten, Dorsten, Haltern und Waltrop wird Personal zur Selbsthilfeunterstützung vorgehalten.
Die Arbeitsgemeinschaften und Selbsthilfegruppen wurden immer häufiger zu Ansprechpartnern von Presse und Rundfunk, die mehrfach in Serien über das Selbsthilfegeschehen berichteten.
Chefredakteure von Presse und Funk boten zusammen ein Medienseminar für die Sprecher der Selbsthilfegruppen an, was natürlich auch zu einer verbesserten Kooperation führte.
Die Regional-Arbeitsgemeinschaft ermittelt den Weiterbildungsbedarf der Gruppen, definiert Seminarinhalte und organisiert mit Hilfe der Selbsthilfe-Unterstützungsstelle (AOK) die eigenen Weiterbildungsmaßnahmen (2006 bis 2009 jeweils acht Seminare für Gruppenmitglieder in Leitungsfunktionen). Angebote gibt es auch durch die AG`s Bottrop und Dorsten.
Ein Höhepunkt auch die Medienaktion: “Seniorexperten für die Selbsthilfe“. Hier wurden „Experten im Ruhestand“ aufgefordert sich begleitend in der Selbsthilfeunterstützung zu engagieren. Auf diese Weise kam die Selbsthilfe im Kreis u.a. zu einer ehrenamtlichen Supervisorin.
Seit Juni 1997 arbeitet die Arbeitsgemeinschaft mit dem „Netzwerk Bürgerengagement“, einer Kontaktstelle für freiwilliges Engagement und Selbsthilfe zusammen.
Über ein Jahr hinweg wurden alle „Ehrenamts-Arbeitgeber“ kreisweit alle 14 Tage in großen Presseberichten mit ihren ehrenamtlichen Betätigungsfeldern vorgestellt. Die Resonanz war überaus positiv. Die „Ehrenamts-Arbeitgeber“ lernten sich so gegenseitig kennen und verweisen z.B. bei „Fehlanfragen“ auch an andere Netzwerkmitglieder!
In einem Modellversuch hat die Arbeitsgemeinschaft zusammen mit dem Institut für Arbeit und Technik (IAT) des Wissenschaftszentrums NRW die Anwendungs- und Umsetzungsmöglichkeiten der Internetnutzung durch Selbsthilfegruppen erprobt und den ersten Selbsthilfeserver entwickelt.
Die Arbeitsgemeinschaft ist mit Sitz und Stimme in der Gesundheits- konferenz des Kreises Recklinghausen, der Kreis-Pflegekonferenz und der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft im Kreis Recklinghausen vertreten. Hier konnten bereits wichtige Impulse z.B. zur Früherkennung von Wahrnehmungsstörungen bei Kindern im Vorschulalter und bei der Versorgung von Schlaganfallpatienten gegeben werden.
In den letzten sechzehn Jahren stieg die Zahl der Selbsthilfegruppen im Kreis Recklinghausen von 140 auf jetzt über 740 Gruppen. Sie decken 230 Themenbereiche ab.
Alle Maßnahmen zusammen sorgen auch 16 Jahre nach Gründung der Arbeitsgemeinschaft für ein stetig steigendes Engagement betroffener Bürger. Das hat sehr positive Auswirkungen auf die psychosoziale Stabilisierung Betroffener. Auch auf die Sozialkassen unserer Region hat das seine positiven Wirkungen.
Die „Münchener Studie“ zugrunde gelegt, leisten die 740 Gruppen unserer Region jährlich über drei Millionen Stunden ehrenamtliche Arbeit. Allein diese freiwilligen sozialen Leistungen und deren weitere Auswirkungen (Eigenmittel, Spendenaquise, Fördermittel ect.) verkörpern einen Gegenwert von über 60 Millionen EURO jährlich, so die Studie.
Laut einer Flensburger Studie geben 30 % der Gruppenmitglieder an, seltener zum Arzt zu gehen, weniger Medikamente zu nehmen = 21 %, wirksamere Medikamente zu nehmen = 13 % und 51 % !!! gaben an, weniger als bisher ins Krankenhaus eingewiesen worden zu sein. Die hierdurch bedingte Verbesserung der körperlichen und geistigen Befindlichkeit der Betroffenen sowie die Einsparpotenziale kann man nur erahnen!
Eine Gruppe für Angst- und Panikbetroffene mit 24 Mitgliedern hat nachgewiesen, dass sich die Inanspruchnahme von Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen seit der Zugehörigkeit zur Gruppe um jährlich 250.000 EURO verringert hat!
Die Kreisarbeitsgemeinschaft hat sich in den ganzen Jahren für die Förderung (infrastrukturell und finanziell) durch Krankenkassen und Kommunen eingesetzt. Am 01.01.2000 wurde die Selbsthilfeförderung zur „Sollaufgabe“ der Krankenkassen. Die Kommunen benannten Mitarbeiter, die künftig Ansprechpartner der Gesundheits-Selbsthilfe sind, richteten Fördertöpfe ein, stellten Räumlichkeiten zur Verfügung, Beteiligten die örtlichen Sprecher der Arbeitsgemeinschaften an kommunalen Beiräten und ehren verdiente Bürger für ihr Engagement in Selbsthilfegruppen. Hier befindet sich die AG in stetigem Dialog (Bürgermeisterrunde beim Landrat) um kommunale Unterstützung zu entwickeln.
Der Bürgerpreis des Kreises Recklinghausen für das Jahr 2006 ging an den Gründer und Sprecher der Alzheimer-Selbsthilfegruppe Dorsten, Herrn Hans-Jürgen Fischer, für über zehnjähriges aufopferungsvolles Engagement für Betroffene und Angehörige. Als gleichzeitiger Sprecher der Dorstener Arbeitsgemeinschaft ergriff er die Initiative -mit maßgeblicher Unterstützung durch den Schirmherrn der Dorstener AG, Herrn Dieter Grasedieck, seinerzeit MdB, - dass der Versicherungsschutzes für Ehrenamtliche entscheidend verbessert wurde - bundesweit!
Die Perspektiven:
Im Kreis Recklinghausen hat die massive Unterstützung von Gesundheits-Selbsthilfegruppen zu einem Zeitpunkt begonnen, als das Thema „Selbsthilfe“ noch kein breites Interesse fand. Die tief greifenden Erfahrungen der jahrelangen engen Zusammenarbeit zeigen jetzt vielerlei positive Wirkungen. Abgesehen davon, dass diese aktive Hilfe für überwiegend chronisch kranke Mitbürger in Betroffenen- und breiten Bevölkerungskreisen große Anerkennung findet, haben die vertieften Kenntnisse über Struktur, Arbeit und Wirkungsweisen von Selbsthilfegruppen zu grundlegend neuen Erkenntnissen geführt. Diese werden das Handeln für die Selbsthilfebewegung auch künftig maßgeblich beeinflussen.
Die Weiterentwicklung des Recklinghäuser Modells auch mit wissenschaftlicher Unterstützung wird fortgeführt. Die Gründung eines Fördervereins „Gesundheits-Selbsthilfe“ sowie langfristig die Gründung einer „Stiftung Gesundheits-Selbsthilfe“ sind Ziele der Arbeitsgemeinschaft.
Die Politik ist gefordert:
Den Abgeordneten Michael P. Groß (SPD) MdB und Josef Hovenjürgen (CDU) MdL haben wir die Schirmherrschaft anvertraut. Beide unterstützen unser Modell aktiv, „weil sich in ihm ein selbst bestimmtes und unabhängiges Handeln nahezu basisdemokratisch umsetzen lässt. In diesem Modell nutzt die Selbsthilfe mit der Kraft ihrer Vernetzung die im Gesundheitsmarkt vorhandenen Ressourcen ohne Fremdbestimmung, aber mit der Hilfe der Akteure dieses Marktes. Hier werden Unterstützungspotenziale durch stetig steigende Akzeptanz und Vernetzungen erschlossen. Ein gerade unter den jetzigen Vorzeichen knapper Etats interessantes Modell mit bundesweiten Perspektiven.“
Recklinghausen, den 01.11.2009
