Erreichtes

Welche Auswirkungen hat die Zusammenarbeit der Selbsthilfegruppen auf das Gesundheitsgeschehen in unserer Region?

 

 

Einige Beispiele:

Es gründeten sich in der Folgezeit neue themenspezifische und kommunale Selbsthilfe-Arbeitsgemeinschaften in Bottrop, Castrop-Rauxel, Dorsten, Gelsenkirchen, Gladbeck, Haltern, Herten und Marl.

 

Die Arbeitsgemeinschaften wurden zu Ansprechpartnern der Verhältnis- und Verhaltensprävention kommunaler- und kreisweiter Gesundheitsaktionen.

 

Die Arbeitsgemeinschaften und Selbsthilfegruppen wurden immer häufiger zu Ansprechpartnern von Presse und Rundfunk, die mehrfach in Serien über das Selbsthilfegeschehen berichteten.

 

Den Selbsthilfegruppen wurden in Rathäusern und Krankenkassen Beratungsräume für regelmäßige (in der örtlichen Presse angekündigte) „Sprechstunden“ eingerichtet. In Marl wurde ein „Selbsthilfehaus“ zur Verfügung gestellt..

 

Chefredakteure von Presse und Funk boten zusammen ein Medienseminar für die Sprecher der Selbsthilfegruppen an, was natürlich auch zu einer verbesserten Kooperation führte.

 

Die Regional-Arbeitsgemeinschaft ermittelt den Weiterbildungsbedarf der Gruppen, definiert Seminarinhalte und organisiert mit Hilfe der Selbsthilfe-Unterstützungsstelle (AOK) die sog. „Bestellseminare“. Von 2005 bis 2012 konnten so an den jährlich acht Seminarabenden über 800 Gruppenmitglieder in Leitungsfunktion hierdurch Ihrem Gruppenleben neue Impulse geben. Angebote gibt es zusätzlich durch die AG`s Bottrop und Dorsten.

 

Ein Höhepunkt auch die Medienaktion: “Seniorexperten für die Selbsthilfe“. Hier wurden „Experten im Ruhestand“ aufgefordert sich begleitend in der Selbsthilfeunterstützung zu engagieren. Auf diese Weise kam die Selbsthilfe im Kreis u.a. zu einer ehrenamtlichen Supervisorin.

 

Seit Juni 1997 arbeitet die Arbeitsgemeinschaft mit dem „Netzwerk Bürgerengagement“, einer Kontaktstelle für freiwilliges Engagement und Selbsthilfe zusammen. Über das Jahr 1998 hinweg wurden alle „Ehrenamts-Arbeitgeber“ kreisweit alle 14 Tage in großen Presseberichten mit ihren ehrenamtlichen Betätigungsfeldern vorgestellt. Die Resonanz war überaus positiv. Die „Ehrenamts-Arbeitgeber“ lernten sich gegenseitig kennen und verweisen z.B. bei „Fehlanfragen“ auch an andere Netzwerkmitglieder!

 

In einem Modellversuch Mitte der 90‘er Jahre hatte die Arbeitsgemeinschaft zusammen mit dem Institut für Arbeit und Technik (IAT) des Wissenschaftszentrums NRW die Anwendungs- und Umsetzungsmöglichkeiten der Internetnutzung durch Selbsthilfegruppen erprobt und den ersten Selbsthilfeserver konzipiert. Damit sollten die Sprecher der örtlichen Arbeitsgemeinschaften untereinander und mit der Kontaktstelle vernetzt werden. Des weiteren sollten die Sprecher der Selbsthilfegruppen einer Stadt untereinander, als auch mit dem Sprecher ihrer örtlichen Arbeitsgemeinschaft und der Kontaktstelle vernetzt werden. Über einen Internetanschluss sollte das Modell öffentlich zugänglich werden.

 

Die Arbeitsgemeinschaft ist mit Sitz und Stimme in der Gesund-heitskonferenz des Kreises Recklinghausen sowie in der Kreis-Pflegekonferenz vertreten. Hier konnten bereits wichtige Impulse z.B. zur Früherkennung von Wahrnehmungsstörungen bei Kindern im Vorschulalter und bei der Versorgung von Schlaganfallpatienten gegeben werden.

 

Seit Gründung der Arbeitsgemeinschaft im Januar 1993 stieg die Zahl der Selbsthilfegruppen im Kreis Recklinghausen von damals 140 auf jetzt über 750 Gruppen. Sie decken z. Zt. 240 Themenbereiche ab.

 

In den letzten Jahren initiierten und förderten die nach dem „Recklinghäuser Modell“ organisierten Arbeitsgemeinschaften die Einrichtung kommunaler Selbsthilfe-Unterstützungsstellen in den Städten Bottrop, Gelsenkirchen und Recklinghausen. Auch in den Städten Gladbeck, Herten, Dorsten, Haltern und Waltrop wird Personal zur Selbsthilfeunterstützung vorgehalten.

 

Alle Maßnahmen zusammen sorgen auch nach 20 Jahren noch für ein stetig steigendes Engagement betroffener Bürger. Das hat sehr positive Auswirkungen auf die psychosoziale Stabilisierung Betroffener und auf die Sozialkassen unserer Region.

 

Die „Münchener Studie“ zugrunde gelegt, leisten die 750 Gruppen unserer Region jährlich über 3,2 Millionen Stunden ehrenamtliche Arbeit. Allein diese freiwilligen sozialen Leistungen und deren weitere Auswirkungen (Eigenmittel, Spenden-Akquise, Fördermittel ect.) verkörpern einen Gegenwert von über 65 Millionen EURO jährlich, so die Studie.

 

Laut einer Flensburger Studie geben 30 % der Gruppenmitglieder an, seltener zum Arzt zu gehen, weniger Medikamente zu nehmen = 21 %, wirksamere Medikamente zu nehmen = 13 % und 51 % !!! gaben an, weniger als bisher ins Krankenhaus eingewiesen worden zu sein. Die hierdurch bedingten Einsparvolumina und vor allen Dingen die Verbesserung der körperlichen und geistigen Befindlichkeit der Betroffenen kann man nur erahnen!

 

Eine Gruppe für Angst- und Panikbetroffene mit 24 Mitgliedern hat nachgewiesen, dass sich die Inanspruchnahme von Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen seit der Zugehörigkeit zur Gruppe um jährlich 250.000 EURO verringert hat!

 

Die Kreisarbeitsgemeinschaft hat sich in den ganzen Jahren für die Förderung (infrastrukturell und finanziell) durch Krankenkassen und Kommunen eingesetzt. Am 01.01.2000 wurde die Selbsthilfeförderung zur „Soll-Aufgabe“ der Krankenkassen. Die Kommunen benannten Mitarbeiter, die künftig Ansprechpartner der Gesundheits-Selbsthilfe sind, richteten Fördertöpfe ein, stellten Räumlichkeiten zur Verfügung, Beteiligten die örtlichen Sprecher der Arbeitsgemeinschaften an kommunalen Beiräten und ehren verdiente Bürger für ihr Engagement in Selbsthilfegruppen. Hier befindet sich die AG in stetigem Dialog (Bürgermeisterrunde beim Landrat) um kommunale Unterstützung zu entwickeln.

 

Die Perspektiven:

Im Kreis Recklinghausen hat die massive Unterstützung von Gesundheits-Selbsthilfegruppen zu einem Zeitpunkt begonnen, als das Thema „Selbsthilfe“ noch kein breites Interesse fand. Die tief greifenden Erfahrungen der jahrelangen engen Zusammenarbeit zeigen jetzt vielerlei positive Wirkungen. Abgesehen davon, dass diese aktive Hilfe für überwiegend chronisch kranke Mitbürger in Betroffenen- und breiten Bevölkerungskreisen große Anerkennung findet, haben die vertieften Kenntnisse über Struktur, Arbeit und Wirkungsweisen von Selbsthilfegruppen zu grundlegend neuen Erkenntnissen geführt. Diese werden das Handeln für die Selbsthilfebewegung auch künftig maßgeblich beeinflussen.

 

Die Weiterentwicklung des Recklinghäuser Modells auch mit wissenschaftlicher Unterstützung wird fortgeführt. Die Gründung eines Fördervereins „Gesundheits-Selbsthilfe“ sowie langfristig dessen Umwandlung in eine „Stiftung Gesundheits-Selbsthilfe“ sind Ziele der Arbeitsgemeinschaft.

 

Die Politik ist gefordert:

Der Bundestagsabgeordnete, Michael Groß, SPD und der Landtagabgeordnete Josef Hovenjürgen, CDU, unterstützen dieses Modell aktiv, „weil sich in ihm ein selbst bestimmtes und unabhängiges Handeln nahezu basisdemokratisch umsetzen lässt.“ In diesem Modell nutzt die Selbsthilfe mit der Kraft ihrer Vernetzung die im Gesundheitsmarkt vorhandenen Ressourcen ohne Fremdbestimmung, aber mit der Hilfe der Akteure dieses Marktes. Hier werden Unterstützungspotentiale durch stetig steigende Akzeptanz und Vernetzungen erschlossen. Ein gerade unter den jetzigen Vorzeichen knapper Etats interessantes Modell mit bundesweiten Perspektiven.“

 

Recklinghausen, den 12.07.2012

 

Gerd Westhoff

Regional-AG